"Charlie" und die französische Debatte um Islam, Integration und Euro

In Frankreich wird die islamische Frage schon länger kontrovers diskutiert als in Deutschland, allein schon weil die Einwanderung aus Nordafrika früh begonnen hat und der Anteil der Muslime an der Bevölkerung etwa doppelt so hoch ist. Die explizite französische Auseinandersetzung mit dem Islam hat nicht nur früher begonnen als in Deutschland, sondern sie verläuft häufig auch anders als bei uns. Schon als Mathematikstudent in Montpellier habe ich 1990 mit Erstaunen die heftige Debatte über das Kopftuchverbot für Schülerinnen an staatlichen Schulen miterlebt, bei der besonders katholische Geistliche und bekannte Ordensleute mit Leidenschaft für das Recht muslimischer Schülerinnen gesprochen haben, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen. In Deutschland sind ähnliche Debatten über die Haltung zum Islam eigentlich erst nach dem 11.9.2001 virulent geworden. Ein Kopftuchverbot im Unterricht wurde ernsthaft nur für Lehrerinnen gefordert und in einem großen Teil der Bundesländer auch eingeführt.


Die mörderischen islamistischen Attentate auf die Redaktion der Wochenzeitschrift "Charlie Hebdo" haben im Januar 2015 in Frankreich einen großen Schock ausgelöst und zu einer großen Solidarisierung unter dem Motto "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) mit landesweiten großen Demonstrationen geführt, mit denen sich in Summe ein erheblicher Teil (annähernd 10%) der Bevölkerung zum Laizismus und zum Recht auf religiöse Blasphemie bekannt hat. Auch Spitzenpolitiker aus aller Welt haben sich in Paris eingefunden und symbolisch (aber nicht wirklich) an die Spitze der Bewegung gesetzt (u.a. auch Angela Merkel, in deren Heimat Blasphemie nicht erlaubt, sondern strafbar ist).

Emmanuel Todds Frontalangriff auf "Je suis Charlie" und die Politik

Nach eigener Aussage angetrieben von dem übergroßen und ungesunden Konsens der Versammlung hinter dem "Je suis Charlie"-Schild hat der bekannte Soziologe, Historiker und Anthropologe Emmanuel Todd im Mai 2015 ein Buch veröffentlicht, das in Frankreich in kürzester Zeit zu einem Bestseller avanciert ist und eine heftige Debatte ausgelöst hat, bei der Todd weitgehend allein gegen große Teile der Öffentlichkeit steht:

   Emmanuel Todd
   Qui est Charlie ? : Sociologie d'une crise religieuse
   Wer ist Charlie ? : Soziologie einer religiösen Krise

    Das Werk wurde ins Englische und Niederländische
   übersetzt,

   und erscheint im November 2015 auch auf Deutsch:
  

   Der Titel ist leider irreführend übersetzt, denn im
   Buch geht es in erster Linie um Frankreich, am Rande
   um Deutschland und Euroland und nie um
   "den Westen".
  
                           

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht eine massive Zumutung für die "Charlie"-Bewegung, das politische Establishment, vor allem das sozialistische, und den Präsidenten Frankreichs:

  • Die Frage "Wer ist Charlie" legt nahe, dass die Bewegung selbst nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt, und genau das versucht Todd ihr zu erklären
  • Er lehnt es ab, Beifall zu klatschen, wenn nach seiner Meinung privilegierte Schichten das Recht hochhalten, die Religion einer kleinen und sozial schwachen Minderheit mit Blasphemie zu überziehen
  • Mit der im Titel genannten "religiösen Krise" ist wohlgemerkt nicht die Krise des Islam gemeint, die in vielen anderen Büchern thematisiert wird, sondern zunächst der finale Niedergang des französischen Katholizismus
  • Er weist darauf hin, dass der Verlust der Religion für ein Volk eine schwere Krise darstellt ("Man muss die Religion ernst nehmen, vor allem, wenn sie dabei ist zu verschwinden"), die zum Beispiel zu xenophoben Aufwallungen führen könne
  • In der Folge der katholischen Krise sieht Todd auch eine Sinnkrise des Laizismus, und es ist ein starkes Stück, diese auch unter dem Titel einer "religiösen Krise" unterzubringen
  • Als Idealtypus (im Sinne von Max Weber) der von ihm wenig schmeichelhaft beschriebenen Sozialisation des "Zombie-Katholiken" hat er ausgerechnet Staatspräsident Hollande benannt
  • Seine sozialistische Partei beschreibt er als auf soziale Ungleichheit orientiert, unrepublikanischer und unsozialer als die französischen Konservativen
  • den von den Sozialisten unterstützen Multikulturalismus lehnt er rigoros ab: "Der Multikulturalismus läuft auf nichts anderes als Apartheid hinaus". Ziel der Integration einer Einwanderergruppe kann für ihn letztlich nur die Assimilation, insbesondere durch wechselseitige Heirat, sein. Alles andere biete der Gesellschaft auf Dauer für die gemeinsame Bewältigung von Krisen keine ausreichende Grundlage.
  • Die Anhänger des Front National sieht er zunehmend als Miterben des egalitären Frankreich an, das die Revolution von 1789 hervorgebracht hat. Als Indiz nennt er u.a. deren Unwillen, sich von Eliten Vorschriften machen zu lassen.
  • Er liefert eine Begründung, warum egalitäre (an Gleichheit orientierte) Menschen beim ersten Kontakt mit tatsächlich Fremden ablehnend reagieren, sich aber danach leichter mit ihnen assimilieren.
  • Er liefert eine Begründung, warum an Ungleichheit gewöhnte Menschen, beim ersten Kontakt keine Probleme mit Fremden haben, diese aber dauerhaft auf Distanz und (nach Möglichkeit) in der Hierarchie unter sich halten wollen. Er betrachtet Multikulturalismus als eine fatale Implementierung dieses Musters.
  • Er weist darauf hin, dass die Anhänger des Front National mit wachsender Häufigkeit Partner maghrebinischer Abstammung heiraten und der Front National selbst seinen politischen Charakter in den letzten Jahren massiv (zum Guten) verändert habe.
  • Er fordert erneut (wie schon seit Jahren) den Ausstieg Frankreichs aus dem Euro, weil der Euro und die mit ihm verbundene Sparpolitik die Arbeiterschicht und besonders die Einwanderer ökonomisch aushungern würde. Er argumentiert, es sei verrückt, wenn Frankreich mit einer 35% höheren Geburtenrate dieselbe Geld- und Zisnpolitik wie Deutschland betreibe und damit einen entsprechenden Anteil seiner Jugend aus dem Arbeitsleben ausschließe.
  • Er unterstellt der französischen Elite und wiederum vor allem den Sozialisten, dass sie nach dem Verlust des katholischen Glaubens mit dem Glauben an die Einheitswährung quasi eine Ersatzreligion gesucht und gefunden habe, an der sie jetzt irrational und fanatisch festhalte.
  • Frankreich mache sich der Mittäterschaft bei der Zerstörung der Wirtschaft in Südeuropa schuldig
  • Der Glaube, mit Deutschland im Euroraum mithalten zu können, sei eine Illusion, die immer weiter aus dem Ruder laufe und der nach Südeuropa auch die Französische Republik geopfert werde (und der übrigens zuletzt auch das mit seiner Führungsrolle überforderte Deutschland zum Opfer fallen werde)
  • Er ist schon lange der Meinung, dass der schrankenlose Freihandel ein Grundirrtum und Grundübel unserer Zeit sei und wiederholt das auch in diesem Buch
  • Er geißelt außerdem die nach seiner Meinung mutwillige und ungerechtfertigte Isolierung Russlands durch die anderen europäischen Staaten.

Auffällig: Der bisher von vielen geschätzte Emmanuel Todd äußert bündelweise Thesen, die man in Deutschland (in diffamierender Absicht) einer "Querfront" zuordnen würde. In Frankreich erntet er zwar viel Kritik und viel Unverständnis, aber die Idee einer "Querfront" ist dort unbekannt. Dass Linke und Rechte bei einem Thema übereinstimmen können, ist dagegen Normalität.

Todd ist kein Schwätzer

Das Buch hat hohe Wellen geschlagen und sogar den Premierminister Manuel Vals zu einer persönlichen Antwort in 'Le Monde' veranlasst. Nun muss man wissen, dass Todd nicht irgendwer ist, sondern als Soziologe und Anthropologe ein absolutes Schwergewicht, dessen herausragende Beiträge sich nicht einfach ignorieren lassen:

  • In seinem 1976 erschienen Werk "Vor dem Sturz. Das Ende der Sowjetherrschaft" hat er auf der Basis von Statistiken über die reale Lage der Bevölkerung den Untergang der Sowjetunion vorhergesagt. Im selben Buch wies er, 17 Jahre vor Samuel Huntington, darauf hin, dass der zunehmende Feminismus in den USA zu einem schweren Konflikt mit der islamischen Welt über die Rolle der Frau führen müsse.
  • Todd hat früher Wahlkämpfe der kommunistischen Partei Frankreichs beraten, später aber vor allem sehr erfolgreich die des konservativen Jacques Chirac
  • 2002 hat er mit "Weltmacht USA. Ein Nachruf" ein Erfolgsbuch geschrieben, das sich gerade in Deutschland hervorragend verkauft hat. Darin beschreibt er die USA als Staat, der von der Welt fundamental abhängig sei und sich genau deshalb vom Stabilisator zum Unruhestifter entwickelt habe. Im selben Buch sagt er das Wiedererstarken Russlands voraus.
  • Er hat ein viel beachtetes und von der Französischen Nationalversammlung ausgezeichnetes Werk zur Integration von Einwanderern in den USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich geschrieben: Das Schicksal der Immigranten
  • Er ist auch für Laien als Schüler des überragenden deutschen Soziologen (und liberalen Patrioten) Max Weber und des Franzosen Émile Durkheim erkennbar. Der Aha-Effekt beim Lesen seiner Bücher ist ähnlich stark wie bei Webers genialem Meisterwerk "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus".

Das hier besprochene jüngste Werk Todds ist im Vergleich zu seinen besten Werken erkennbar ein Schnellschuss, enstanden in nicht einmal vier Monaten von Januar bis Mai 2015. Ähnlich wie "Weltmacht USA" ist es auch keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein polemischer politischer Essay mit einer nicht allzu dicken Grundlage in seiner früheren wissenschaftlichen Arbeit. Die statistische Basis für seine Schlussfolgerungen ist manchmal nicht übermäßig stark, was er in einigen Fällen auch zugibt, aber seine Folgerungen und seine Polemik sind trotzdem intelligent und allemal wert, als Gegenposition zu einem vordergründigen Konsens beachtet zu werden. Dass genau das auch passiert, spricht für Frankreich und seine Lust an politisch-philosphischen Debatten.

Als Anreiz zum Weiterlesen und für einen guten ersten Eindruck des Denkens und des Werks von Emmanuel Todd ist dieses beeindruckende Interview von 2009 in der Zürcher Weltwoche empfehlenswert.

Einführung in Todds Denken über die Familienstrukturen und ihre Wirkungen

Das hier besprochene Buch ist nur ein kleiner Mosaikstein (und bestimmt nicht der edelste) aus einer jahrzehntelangen Liste von Werken, die überwiegend einem roten Faden folgen: Familienstrukturen, ihre Klassifikation und ihre geografische Verbreitung; ihre Auswirkungen auf das Zusammenleben und die Weltsicht einer Bevölkerung.
Es versteht sich von selbst, dass eine Einführung hier nur rudimentär und vereinfachend sein kann. Wer mehr wissen will, auch über die Anwendung auf Einwanderung, das soziale Leben und die Politik muss sich mit der Originalliteratur beschäftigen:



Gleichheit <-> Ungleichheit der Brüder

Das wohl wichtigste Unterscheidungsmerkmal in den Familienstrukturen ist nach Todd die Frage, wie gleichwertig die Brüder einer Familie sind. Als Empiriker führt ihn das letztlich auf die überprüfbare Hauptfrage zurück, wie gleichmäßig historisch das Erbe auf die Brüder verteilt worden ist (Historisch deshalb, weil heutzutage gleichberechtigtes Erben der Kinder im Recht fast aller Länder als Grundregel festgelegt ist. Aber historisch war das nicht immer so, im Rheinland ist es beispielsweise zunächst durch die Römer etabliert und später durch Napoleons Code Civil nochmals gestärkt worden). Eine solche Familienstruktur, in der die Brüder historisch gleichberechtigtes Erbrecht genossen, bezeichnet Todd als 'egalitär'.
Eine Familienstruktur, in der dagegen typischerweise der älteste Bruder alles erbt
(es konnte in Ausnahmefällen auch der jüngste bevorzugt sein), bezeichnet Todd dagegen als maximal "ungleich".
Wenn Menschen von klein an lernen, solche Regelungen als "gerecht" im Sinne eines nicht weiter hinterfragten "Werturteils (nach Max Weber) zu halten, prägt das ihren Gerechtigkeitssinn für das ganze Leben und für alle Arten von Konflikten, die darin auftreten. Auch die deutsche Forschung kennt selbstverständlich die massiven Folgen, die das Erbrecht z.B. durch Realteilung oder Anerbenrecht, auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung einer Bevölkerung hat.Todd hat sich seine Systematik also nicht einsam aus den Fingern gesogen.

Freiheit <-> Unfreiheit

Das zweitwichtigste Frage an die Familienstruktur lautet, wie frei die Geschwister gegenüber der Macht ihrer Eltern und der ganzen Familie  waren. Diese Frage wurde oft  völlig unabhängig von der Gleichheitsfrage geregelt. Es konnte also vorkommen, dass beim Erben nicht berücksichtigte Brüder ihrer Wege gehen konnten oder dass sie sogar noch verpflichtet waren, dem Bruder als Knecht zu dienen, der alles bekommen hat. Genauso konnte es vorkommen, dass gleichmäßig erbberechtigte Brüder zusammen in einem Familienverbund wirtschaften mussten und sehr lange der Autorität ihres Vaters unterworfen blieben.

Beispiele (nach Todd)

  • Pariser Becken + Côte d'Azur: egalitär + frei.
    Es war also kein Zufall, dass die Französische Revolution das Motto Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hervorbrachte
  • Französische Peripherie, Burgund, Franche Comté, Vendée, Elsass, Bretagne: überwiegend ungleich Es war also auch kein Zufall, dass es in diesen Gebieten teilweise sehr blutigen Widerstand gegen die Revolution gab
  • Südwestdeutschland/Rheinland: im Detail ein Fleckenteppich egalitärer und ungleicher Familienstrukturen, von Todd als abgemilderte Form der autoritären Familie pauschaliert
    Durch Mischung
    altgermanischer und römischer Einflüsse entstanden, letztere von Napoleon später noch gestärkt.
  • Deutschland: ungleich und unfrei (=autoritär)
    Der preußische Junker war deshalb beinahe die Antithese zum Pariser Citoyen, was bei Zusammentreffen Folgen haben musste
  • England: ungleich und frei
    Der englische Liberalismus ist also wiederum kein Zufall, sondern im Familiensystem verwurzelt
  • Russland: egalitär und unfrei (starke Autorität des Vaters im Gegensatz zu Zentralfrankreich)
    Ein weiteres Land mit einer folgenreichen Revolution, aus dem aber ein totalitärer Staat hervorging, der das autoritäre Zarentum ablöste
  • Arabien: egalitär, schwache Autorität des Vaters wird durch die "Solidarität der Brüder" ersetzt
    Der große Unterschied zur europäischen egalitären Familie steckt aber in der Endogamie.


Und eine interessante Europa-Karte dazu:

(übernommen von Craig Willy)

    Die Fülle der Erkenntnisse allein aus dieser Karte ist
   überwältigend:

   - in west- und südeuropäischen Ländern mischen sich
    häufig die Familiensysteme, in Mittel- und Osteuropa
    dagegen eher selten
  - in Frankreich sind mehr Familiensysteme stark
     verbreitet als in jedem anderen europäischen Land 
  -
das Familiensystem des Rheinlands bildet eine
     Brücke vom
System des übrigen Deutschland nach
     Frankreich
(vgl. die elsässische Redensart "In
     Dütschland gibt's kü Baguette, in Paris gibt's kü
     Ornung"
)
   - umgekehrt hat das deutsche System Verwandte in
    der französischen Peripherie (sog. Vichy-Frankreich)

   - die traditionelle französisch-polnische Gemeinsamkeit 
    ist deutlich blau abgebildet

   - Teile der Niederlande und Skandinaviens,
    fast ganz Dänemark,
nicht aber Schweden,
    folgen dem englischen System der Ungleichheit und
    Freiheit ebenso wie Teile der Bretagne

    - Böhmen und Slowenien folgen komplett dem dt.
     System (vgl. den slowakischen Scherz: "Tschechen
     sind Deutsche, die Tschechisch sprechen")

   - Nord-,Mittel- und Süditalien sind ganz verschieden,
    auch was die Familiensysteme angeht. Auffällig ist
    auch dieTeilung Norditaliens in
West (Lombardei
    /Piemont/Ligurien) und
Ost (Trentino/Venetien/Friaul)
 

Wer ein Gespür hat für die europäischen Mentalitäten, hat seine helle Freude an dieser Karte.




Todds Antennen (Intuition+Statistiken) sind für Frankreich besonders fein, aber auch für andere Regionen feiner als diese Karte nahelegt. Mir fällt das insbesondere auf, wenn ich auf dieser groben Karte Süddeutschland betrachte und mit den mir bekannten Fakten über die Realteilung in Württemberg vergleiche. Alles das fällt auf der Karte weitgehend unter den Tisch, bzw. zu den Ausläufern des
Rheinlands. In seinem Buch "Die Erfindung Europas" wird Württemberg aber durchaus gründlich behandelt. Die deutschen Grenzen sind links oben nicht korrekt eingezeichnet, woraus folgt, dass Ostfriesland ebenso "gelb" ist wie Westfriesland und Anglia, was historisch betrachtet ja auch gar nicht anders sein kann. Die Ostfriesen sind bekanntermaßen ein besonderes Völkchen, über das man im restlichen Deutschland lacht, weil man es irgendwie nicht recht versteht: das ist exakt die unbewusste Macht der Familienstrukturen über unser Denken und unsere soziale Interaktion. Und bei den Reibereien und Sticheleien zwischen Rheinländern und Westfalen dürfte es auf Dasselbe hinauslaufen.

Das politische System Frankreichs

Die Familienstrukturen sind im Pariser Becken und an der Côte d'Azur sehr egalitär und frei. Mit den zwei Großräumen Paris und Marseille lebten über lange Zeit etwa 2/3 der Franzosen in diesen Regionen, die die Französische Revolution getragen hatten. Diese Regionen haben Frankreich danach über 200 Jahre ein fortschrittliches Denken und kulturelles Leben mit viel Freiraum beschert, aber nach Todd neigen sie gleichzeitig auch zu Chaos und Ineffizienz, weil sie Schwierigkeiten haben, stabile Strukturen zu etablieren, die den Laden ordnen und in Gang halten.
Als Gegenpol dazu dienen die ungleichen Familienstrukturen in den Regionen der Peripherie mit ca. 1/3 der Bevölkerung und der wichtigsten Stadt Lyon, die seit jeher eine tüchtige Wirtschaftsmetropole gewesen ist, und weiteren wichtigen Regionen wie z:B. um Toulouse, Besancon und Straßburg. Diese sind traditionell konservativer geprägt und gaben Frankreich einen stabilen Rahmen gegen das Chaos. Todd ist also weit davon entfernt, die Peripherie gegenüber dem Zentrum des Landes gering zu schätzen. Das System Frankreichs ist für ihn stattdessen ein Wunder des Gleichgewichts dieser beiden Gegenpole, das die Republik fast zweihundert Jahre lang stabil gehalten hat.
Während  das Zentrum um Paris und Marseille lange Zeit links, meist kommunistisch, gewählt hat, hatte die französische Rechte ihre Hochburgen traditionell in der Peripherie. Ausführlich beschrieben hat er das Funktionieren dieses Gleichgewichtssystems in seinem frühen Werk "Die Erfindung Frankreichs".
Wichtig ist noch die Tatsache, dass der zahlenmäßige Einfluss der konservativen Peripherie (durch den katholischen Fruchtbarkeitsvorteil) langsam zugenommen hat. An dieser Stelle kommen in jüngster Zeit die nach "links" (Todd würde sagen: scheinlinks) gewendeten Zombie-Katholiken ins Spiel.

Das Gedächtnis der Orte

Wie kann es sein, dass uralte Familienstrukturen und Erbregeln, die rechtlich schon lange nicht mehr gelten, heute das Denken von Menschen prägen, je nachdem, wo sie in Europa leben?
Zunächst sind nach Todd die alten Erbregeln nur der messbare Ausdruck von Familienstrukturen und Denktraditionen, die auch die spätere Änderung der rechtlichen Erbregeln überstanden haben.  Die grundlegenden Wertvorstellungen bleiben der Bevölkerung erhalten, die in einer bestimmten Region lebt. Und wenn Fremde zuziehen, übernehmen sie diese Denktraditionen unweigerlich nach einiger Zeit, weil sie ihnen von der Mehrheitsgesellschaft sanft aufgezwungen werden, so dass die sozialen Gewohnheiten am Ort erhalten bleiben.
Ein Beispiel:
Todd stellt fest, dass die Teilnahme an den Charlie-Demonstrationen im Elsass viel geringer ausgefallen ist, als nach anderen Parametern zu erwarten gewesen wäre. Schließlich ist das Elsass eine zombie-katholische Region par Excellence. Warum haben die Elsässer z.B. in Mulhouse trotzdem nicht so massiv für das Recht auf Blasphemie demonstriert wie z.B. die Bürger von Lyon, die ähnlichen Traditionen verhaftet sind? Die Antwort ist verblüffend: weil das Elsass das Recht auf Blasphemie nicht im Gedächtnis hat. Das Recht auf Blasphemie wurde 1905 nach einem erbitterten Streit zwischen katholischen und säkularisierten Franzosen rechtlich geregelt. 1905 gehörte das Elsass aber zu Deutschland, und als es 1919 wieder zu Frankreich kam, war die Geschichte nicht mehr wichtig, wurde es nie wieder - bis heute. Elsässer haben im Allgemeinen ebenso wenig dafür übrig, eine Religion zu verhöhnen wie Deutsche, die das auch rechtlich (unter Strafandrohung) gar nicht dürfen. Das ist genau das, was Todd mit dem "Gedächtnis der Orte" meint: das Elsass hat ein eigenes Gedächtnis, in dem auch die gemeinsame politische Geschichte mit Deutschland noch enthalten ist, die vor fast 100 Jahren endete.

Familiensystem, Religion und Xenophobie

Das französische Zentrum wurde bereits vor 1800 durch die Französische Revolution säkularisiert, die massiv gegen die Privilegien der Katholischen Kirche vorgegangen ist. Letztliche Ursache soll die Tatsache gewesen sein, dass sich die gleichberechtigten und freien Männer dieser Regionen den Priestern und der Kirche nicht unterordnen wollten.
Dagegen blieb die konservative Peripherie noch bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts dem Katholizismus verhaftet, was sich statistisch z.B. in den Zahlen zum sonntäglichen
Kirchgang messen lässt. Der Katholizismus gab dem französischen Konservatismus gleichzeitig eine soziale Komponente. Nach Todd ist es also eine fundamentale Illusion, wenn die Charlie-Demonstranten glauben, dass Frankreich seit der Revolution ein komplett laizistisches Land gewesen sei. Vielmehr haben das laizistische Erbe der Revolution und Frankreich als "älteste Tochter der Kirche" in dieser langen Zeit nebeneinander koexistiert, und sowohl den säkularisierten als auch den gläubigen Franzosen gleichzeitig ein Maximum an Freiheit verschafft.
Durch den Verfall des Glaubens seit den 60er Jahren hat der Katholizismus seinen Einfluss weitgehend eingebüßt. Die gebildeten Kinder der französischen Rechten seien seither in Massen zu Anhängern und Wählern der Sozialistischen Partei geworden. Diese habe deshalb einen völlig anderen Charakter als die schon immer atheistische und bis 1980 starke kommunistische Partei, nämlich einen unbewusst auf Ungleichheit gepolten zombie-katholischen Charakter. Diese Leute hätten zusammen mit dem Katholizismus auch ihr soziales Gedankengut verloren, was ihnen aber selbst nicht bewusst sei. Tatsächlich scherten sie sich aber kaum um die soziale Lage weniger gut ausgebildeter Franzosen, viel weniger als die Kommunisten und auch weniger als der traditionelle Konservatismus.
Der Verlust der Religion mache eine Bevölkerung im Allgemeinen auch anfällig für xenophobe Regungen. Man könne das in jüngerer Zeit in Polen und der Ukraine beobachten. Dort habe der verspätete Niedergang der katholischen Kirche, die zuvor lange aus Protest gegen den Kommunismus Zulauf erhalten hatte, zu einer ausgeprägten russophoben Reaktion geführt. In Frankreich richte sich die durch den Verlust der Religion entstandene Xenophobie dagegen in erster Linie gegen die islamische Minderheit. Der Multikulturalismus sei die Ausprägung von Xenophobie, die sich die Zombie-Katholiken von der sozialistischen und verwandten Parteien wie die Grünen auf die Fahnen geschrieben hätten. Und genau das sei das Programm der Charlie-Bewegung: Ausgrenzung sozialer und religiöser Minderheiten. Dagegen habe die antiarabische Xenophobie des Front National einen ganz anderen Hintergrund und ihren Höhepunkt bereits deutlich überschritten.
Im
Klartext: die zombie-katholischen Multikulturalisten der Sozialistischen Partei seien heute gefährlicher xenophob als der Front National. Sie konzentrierten ihre unbewusste Xenophobie durch gleichzeitige soziale und religiöse Ausgrenzung auf die islamische Minderheit in den Vorstädten.

Das egalitäre Familiensystem und die Fremden

Nach Todd werden egalitär sozialisierte Menschen von folgendem gedanklichen Dreisprung gesteuert: Alle Brüder sind gleichwertig, also sind alle Menschen gleichwertig, also sind alle Völker gleichwertig. Für Menschen mit diesem Weltbild sei es zunächst ein Schock, wenn sie es mit Menschen zu tun bekommen, die so anders sind, dass sie sie nicht als gleich akzeptieren können. In einer ersten Reaktion neigten sie dann dazu, den Fremden die Menschlichkeit abzusprechen. Zur Illustration charakterisiert er diese Haltung mit einem Zitat: "Der Rassismus ist wie die Araber: es dürfte sie eigentlich gar nicht geben".
Nach dem ersten Schock, der auch eine gewaltsame Wendung nehmen könne, würden egalitäre Gesellschaften aber im Laufe der Zeit dazu neigen, mit den Fremden zu fraternisieren und sie durch Heirat vollständig zu assimilieren. Als Beispiel zitiert er in "Das Schicksal der Immigranten" die hispanisch-mexikanische Gesellschaft, die es als einziges Volk der Welt geschafft habe, eine schwarze Minderheit vollständig und äußerlich spurlos "aufzusaugen". Wenn eine Einwanderergruppe aber traditionell endogam (innerhalb der eigenen Sippe, Religion, Ethnie) heiratet, macht sie dem egalitären Menschen die Assimilation schwer, und es kommt zu schweren Spannungen und Konflikten. Tatsächlich präsentiert er Zahlen, die nahelegen, dass die Assimilation der arabischen Minderheit in Frankreich sehr viel weiter fortgeschritten ist, als man in Deutschland oft denkt: ca. 25% der arabischstämmigen Frauen heirateten Ende der 90er Jahre schon eine französischstämmigen Mann, trotz des Widerstands ihrer Familien. Die Einwanderer seien letztlich machtlos dem Willen der Mehrheitsgesellschaft ausgeliefert und hätten der Assimilation auf Dauer nichts entgegenzusetzen. Die Assimilation der Araber in der mehrheitlich egalitären französischen Gesellschaft sei eigentlich ebenso nur eine Frage der Zeit wie die Assimilation der Juden.
In dem hier besprochenen jüngsten Buch weist er darauf hin, dass auch Anhänger des Front National inzwischen mit einer erheblichen Quote arabischstämmige Frauen heiraten, und bringt das mit der Tatsache in Zusammenhang, dass der Front National inzwischen immer stärker werde in den Schichten und Regionen, die früher einmal die Hochburgen der kommunistischen Partei gewesen seien. Der Front National werde immer egalitärer und habe mehr Grund, sich republikanisch zu nennen als die Sozialisten. Der Front National sei heute weniger durch rassistische als durch soziale Motive getrieben und auch durch einen ebenfalls republikanischen Anti-Elitismus.

Todd und die Deutschen

Todd wird oft als germanophob beschrieben, aber das ist eine grobe Verkürzung. Das charakteristische am deutschen Modell ist für ihn die auf Ungleichheit und Unfreiheit gegründete Stammfamilie. Diese habe ihren Ursprung in einer bäuerlichen Welt, in der die Erhaltung des Hofes und damit der Familie das wichtigste Ziel sei, das mit folgenden Mitteln verfolgt wird: Anerbenrecht, vertikaler Zusammenhalt der Familie über Generationen hinweg, persönliche Unterordnung unter die Gemeinschaft. Diese Modell teilen die Deutschen u.a. mit Schweden, Iren, Japanern, Koreanern und Juden, und es hat für Todd sowohl positive wie negative Folgen:
+ Ordnung, Struktur, Effizienz
+ der ungewöhnlich gute Familienzusammenhalt erlaubt das Überstehen auch sehr schwerer Kisen
+ als Anpassung an die moderne Welt legt ein solches Familiensystem häufig besonderen Wert auf die Ausbildung der Kinder und erzielt damit (besonders in Einwanderungssituationen) weit überdurchschnittliche Erfolge (also: nichts da mit höherer Intelligenz und "Rassen"überlegenheit, sondern eine rein kulturelle Stärke)
- die Einbindung der Jungen in die feste Struktur der Stammfamilie fördert gegenüber einem Kernfamiliensystem angelsächsischer Prägung nicht die Selbstständigkeit und Experimentierfreudigkeit
- im Ergebnis führt es (insbesondere dann, wenn es wie in Deutschland oder Japan kein Gegenmodell dazu im eigenen Land gibt) leicht zu einer gewissen Starrheit des Denkens
- typisch sei für die Stammfamilie in der Moderne wegen der geringen Kindersterblichkeit die Beschränkung auf 1-2 Kinder, weil das für den Fortbestand der Familie reiche. Es reicht aber nicht für den Erhalt der Gesellschaft.
- die verbreitete Autoritätsgläubigkeit zeigt sich allein schon darin, dass Menschen an roten Ampeln warten, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Ein Klischee, das aber weiterhin gültig ist.
- im Gegensatz zu einem egalitären System, wo jeder Chef sein will (wie Todd über Frankreich witzelt) fühlen sich in einem autoritären System alle ganz wohl und schieben bereitwillig schwierige Entscheidungen nach oben weiter. Ganz oben sitzt dann jemand, der heillos überfordert ist mit der Macht, die ihm zuwächst. Als Paradebeispiele nennt Todd hier nicht nur die Regierung Wilhelms II vor dem 1. Weltkrieg, sondern auch die Regierung Merkel im heutigen Europa des Euro (mehr dazu weiter unten)

Todd ist nicht germanophob, sondern ein sehr intelligenter und systematischer Beobachter sozialer Mentalitäten. Als Deutscher kann man eine Menge aus seinen Büchern lernen und fühlt sein Land doch oft fair charakterisiert. Die Fülle der Dinge, die man bei ihm dazulernen kann, ist bemerkenswert, und spätestens nach dem zweiten Buch muss man den großen Ernst seiner Arbeit und die große Klarheit seiner Ergebnisse bewundern. Für allem für einen Deutschen, der sich für Frankreich und seine unterschiedlichen Mentalitäten seit langem interessiert, und die französische Peripherie mehr liebt als Paris oder die Côte d'Azur, ist sein Werk eine Fundgrube der Selbsterkenntnis.
Deutsche Medien (wie die Zeit) lassen sich aber von Todd nicht sonderlich gerne in ihrer geläuterten Selbstzufriedenheit stören. Statt sich ernsthaft den Argumenten gegen den Euro zu widmen, wertet der Redakteur diese lieber im ersten Satz prophylaktisch mit dem Totschlagargument der "Germanophobie" ab. Die Debattenkultur in Deutschland ist nun einmal lausig und gegenüber politischen Vorgaben erstaunlich unterwürfig. Da hat der gute Todd schon ganz Recht!

Das Geschichtsmagazin Herodote.net hat ein Interview mit Todd aus dem Jahr 2011 veröffentlicht, in dem Todd Folgendes über die Deutschen sagt:
"Ja, ich mag die Deutschen gern und ich glaube, dass das deutsche Volk zutiefst friedfertig und voll guten Willens ist. Es strebt nach Normalität, wird aber verunsichert durch den Blick, den die europäischen Eliten und Politiker auf es haben, insbesondere die französischen... Die machen aus ihm zu Unrecht ein Vorbild in allem. Getäuscht durch diesen Blick, den man auf sie hat, verlieren die Deutschen jede Fähigkeit zur Selbstkritik oder zum Lachen über sich selbst."
Nicht schlecht gesagt, aber wir werden lange darauf warten, dass wir solche Einsichten in einer deutschen Zeitung lesen werden. Man stellt an solchen Dingen immer wieder fest, wie wenig einer europäischen Öffentlichkeit überhaupt existiert. Es lohnt sich enorm, gut gemachte Internetmedien unserer Nachbarländer zu lesen, und in Frankreich gibt es erstaunlich viele davon.

Folgende Zitate aus dem Interview mit der Zeit von 2014 sind heute aktueller denn je:

"Niemand versteht, warum die Deutschen so wenig Kinder bekommen. Aber man lobt Deutschland immer für seine perfekten Maschinen. Da ist die Frage erlaubt, ob Deutschland nicht selbst wie eine Maschine funktioniert...
Dieser Hang zur Technik, die Disziplin, die Tendenz, mit großer Effizienz ein Teilproblem zu lösen, statt der Gesamtheit des Lebens gerecht zu werden, allen voran der Fortpflanzung: Das alles bleibt ein potenziell explosives Gemisch deutscher Eigenschaften."

Ja, die deutsche Exportmaschine beispielsweise ist eine effiziente Maschine, die keinem sinnvollen Zweck dient, jedenfalls keinem Zweck für Deutschlands Bürger. Todd fährt weiter fort:
"Europa bewegt sich auf eine Katastrophe zu. (ZEIT: Was für eine Katastrophe?) Das ist unter den neuen historischen Bedingungen schwer zu sagen. Der Zusammenbruch Europas wird uns überraschen. Noch nie gab es so reiche, so überalterte und so gebildete Gesellschaften wie heute in Europa..."

In seinem Buch "Das Schicksal der Immigranten" widmet er sich selbstverständlich auch ausführlich dem Stand der Integration von Immigranten in Deutschland, und stellt dabei Erstaunliches fest: Während Jusoslawen fast vollständig assimiliert sind (mehr als 80% jugoslawischstämmiger Frauen sind mit einem Deutschen verheiratet und bei Männern sind die Zahlen nicht viel anders), ist die türkische Minderheit fast vollständig segregiert. Die Segregation sei ähnlich vollständig wie die der Schwarzen in den USA. Dabei hatte es bei den gemischten Ehen anfangs bis ca. 1985 eine positive Entwicklung gegeben, die aber abgerissen sei. Ähnlich sei die Entwicklung bei den Geburtenraten verlaufen, bei denen sich die Türkinnen dem Gastland bis Mitte der 80er Jahre angepasst hätten, für Todd eine für Einwanderer typische Modernisierung. Danach stellt er jedoch eine Islamisierung der Türken in Deutschland fest, die die in der Türkei sogar übertreffe, und weist die Verantwortung dafür der deutschen Bevölkerungsmehrheit zu. Diese habe die Assimilation nicht gewollt und die türkischen Einwanderer damit auf ihre eigenen Traditionen zurückgeworfen. Im Interview nicht erwähnt wird aber das im Buch diskutierte Faktum, dass die Zahlen über französisch-türkische Mischehen in Frankreich 1998 kaum besser aussahen (unglaublich viel schlechter jedenfalls als die für französisch-arabische Mischehen). Weil sich die meisten Türken im Nordosten Frankreichs mit "deutschen" Familienstrukturen angesiedelt haben und oft noch über Deutschland eingewandert sind, hat ihn das damals nicht weiter beirrt. Diese Argumentation scheint mir ein wenig dünn zu sein, und heute, nach weiteren 17 Jahren, könnten neuere Daten sicherlich neue Erkenntnisse über diese wichtige Frage liefern. Wie ist es mit der französischen Assimilation der türkischen Minderheit weitergegangen im Vergleich mit Deutschland? Wieviel Integrationsfaulheit haben die Einwanderer evtl. selbst mitgebracht, durch kulturelle Dispositionen oder auch durch die Einwanderung in relativ geschlossenen Gruppen? Es ist ja durchaus auch möglich, dass deutsche Regelungen wie der Familiennachzug zunehmend weniger integrationswillige Immigranten ins Land gebracht haben im Vergleich mit der ersten Generation der Gastarbeiter. Welche Rolle spielt eigentlich der Multikulturalismus, der sich ab den 80er Jahren in Deutschland verbreitet hat?

Todd und der Multikulturalismus

Wir haben bereits bei den Eingangsthesen gesehen, dass Todd ein vehementer Gegner des Multikulturalismus ist, weil der nach seiner Meinung auf Dauer in die Apartheid führt. Der Multikulturalismus werde von auf Ungleichheit-gepolten Menschen betrieben, die sich selbst für ausländerfreundlich hielten, aber den unbewussten Wunsch hegten, sich die anderen gleichzeitig vom Leib zu halten. Die Idee ist zunächst überraschend, stimmt aber mit dem überein, was intelligente deutsche Rechte manchmal behaupten: deutsche Linke fänden es schick, die Jahre zwischen 20 und 30 in multikulturellen Vierteln zu wohnen, sie würden aber sofort wegziehen, wenn sie selbst Kinder bekämen.

In seinem großen Werk "Das Schicksal der Immigranten" behandelt er den Multikulturalismus vor allem im Kapitel über die USA. Die Schwarzen der USA werden nach seiner Meinung weiterhin brutal als Parias von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt. Einen solchen Hang zur Ausgrenzung (Differentialismus) hält er für einen Wesenszug der amerikanischen Gesellschaft, und dieser hat sich in früheren Zeiten ebenso gegen Indianer und Asiaten gerichtet, aber heute seien die Schwarzen das einzige Ziel der Ausgrenzung. Entgegen der in unseren Medien transportierten Eindrücken stellt Todd nach zwei gescheiterten Anläufen zur Integration der Schwarzen keine Besserung fest. Die harten Zahlen zur Assimilation sind unverändert: nur um 1 Prozent der verheirateten schwarzen Frauen hätten einen weißen Ehemann und dieser Prozentsatz sei auch nur deshalb leicht gestiegen, weil die Zahl der  dauerhaft unverheirateten schwarzen Frauen massiv angestiegen sei. Geschwisterkinder aus puertoricanischen Familien, die oft bunt aus hell-und dunkelbraunen  zusammengesetzt seien, würden von der Mehrheitsgesellschaft rigoros in "weiße" und "schwarze", in Licht und Schatten,  auseinandersortiert: rassistische Segregation vom Feinsten.
Was sich aber seit Martin Luther King's Kampf deutlich verstärkt habe, sei das Bemühen der Mehrheitsgesellschaft, die Segregation zu kaschieren. Und hier kommt der Multikulturalismus ins Spiel. Die multikulturelle Betonung von Unterschieden zwischen allen möglichen Einwanderergruppen, die aber in Bezug auf die Assimilation folgenlos blieben, sei in den 70er Jahren entstanden und von namhaften Stiftungen, u.a. der "Ford Foundation", großzügig mit Projekten gefördert worden. Letztliches Ziel dieser künstlich beschworenen "Buntheit" der amerikanischen Gesellschaft sei es gewesen, die nach den weltöffentlichen Kämpfen der 60er Jahre weiterhin beinharte praktische Diskriminierung allein der Schwarzen in einem Dschungel von Vielfalt zu verstecken.

Aus Todds französischer Perspektive kann ich dieses Urteil durchaus nachvollziehen: Menschen schwarzer Hautfarbe sind in Frankreich tatsächlich in größter Selbstverständlichkeit integriert. Wäre ich schwarz und dürfte mir ein europäisches Land auswählen, in dem ich sicher und unbehelligt leben kann, würde ich auch für Frankreich votieren. Der legendäre und in Frankreich bis heute verehrte Jazzmusiker Sidney Bechet hatte das bereits 1949 sehr gut verstanden. Es handelt sich dabei also nicht um eine junge Entwicklung, sondern Diskriminierung und Nichtdiskriminierung könnten durchaus tiefer in sozialen Traditionen verwurzelt sein, als uns vordergründig lieb ist.

Todd (und hintermbusch) über Bayern und Preußen

Im "Schicksal der Immigranten" behandelt Todd auch die große Asylwelle von Anfang der 90er Jahre und die Gewalttaten gegen Einwanderer (Mölln, Solingen, ...) und schreibt:
"Insbesondere in Ländern, die sich eine gewisse Ländlichkeit bewahrt haben und, wie Schleswig-Holstein, protestantisch sind, liegt der Prozentsatz der Gewalttaten besonders hoch, während er im katholischen Bayern sehr niedrig ist. Ein weiteres Mal scheint das Verlangen nach sozialer Homogenität in protestantischen Gebieten weit stärker zu sein, während die katholische Tradition mit der Andersartigkeit besser zurechtkommt. Bayern, das für sein hartes Vorgehen bei der Ausgrenzung von Ausländern berühmt-berüchtigt ist, toleriert deren Gegenwart auf dem eigenen Territorium sehr viel besser, weil es weniger dem Ideal der deutschen Homogenität anhängt. Eine Regel bringt den Geist des bayerischen Differentialismus auf den Punkt: Ausländer, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben wollen, müssen den lokalen Dialekt beherrschen."

Man kann diesem überaus klugen Franzosen nur dazu gratulieren, dass er dieses scheinbare Paradox sehr viel besser erfasst hat als die meisten preußischen Politiker. Bayern spielt nach außen hart und nimmt die Einwanderer im Inneren freundlich auf, während man es in Preußen gerne anders herum hält: Die politische Elite hat die Willkommenskultur auf den Lippen und das Sozialghetto in der Hinterhand. Die moralische Schuld an Konflikten wird dann bei den Deutschen abgeladen, die ebenfalls dort wohnen. "Dunkeldeutschland" ist die unvermeidliche Schattenseite des vor der Welt zur Schau gestellten protestantischen Edelmuts und wird als "nicht mehr mein Land" heuchlerisch abgeschoben. Die notwendige, meist nur angedeutete, oft vorgetäuschte, aber immer begrenzte Härte des bayerischen Staates dagegen hält die Bürger selbstlos fern von abscheulicher und sinnloser Gewalt gegen Einwanderer. Insbesondere der bayerische Ministerpräsident lädt sich dieses Kreuz jederzeit freiwillig auf den Rücken und wirft sich selbst so den Anfeindungen des preußischen Unverstands zum Fraß vor. Nach fast 20 Jahren bayerischer Staatsbürgerschaft ist es Zeit, dass ich ihm für diese Passion einmal meinen tief empfundenen Dank ausspreche.
In "L'invention de l'Europe" betont Todd die weitgehende anthropologische Gleichheit von Preußen und Schweden: Stammfamilie und Protestantismus drängen latent zu einem ethnischen Nationalismus, der die Andersartigkeit akribisch sucht und gleichzeitig zwanghaft ausgrenzt. Im kleinen Schweden hat dieser aber nie nach der ganzen Macht gestrebt und wird von der Sozialdemokratie meist erfolgreich in den Untergrund gedrückt. In Süddeutschland ebenso wie in der französischen Peripherie mildert dagegen der universalistische Katholizismus traditionell die vom Stammfamiliensystem erzeugten Wundschmerzen und ermöglicht unter anderem eben die erfreuliche "Liberalitas Bavariae".
Es ist auffällig, dass beide Länder, wohlgemerkt: Preußen und Schweden, mit ihrer Willkommenskultur aktuell Masseneinwanderung in nie gesehenem Ausmaß betreiben und nach Todds Systematik dafür gleich schlechte Voraussetzungen mitbringen. Solcher Wahnsinn kann leicht in einem Desaster enden. Man denkt da sofort an die furchtbar gewalttätigen Schwedenkrimis, in denen das vordergründige Gute brutale Blutorgien mit den dunklen Schichten im Untergrund auskämpft: das sozialdemokratische Über-Ich gegen das Stammfamilien-Es. Das Beispiel Schweden wird z.B.  auch aktuell im "Causeur" sehr offen diskutiert: Was verbirgt sich hinter den "gestörten" Einwanderungsgegnern? Die Skepsis der gegenüber eingewanderten Minderheiten schon immer viel assimilationsbereiteren Franzosen gegen die von Merkel verordnete Willkommenskultur sollte uns schwer zu denken geben.

Todd und der Euro

Todd ist seit langem ein prominenter Gegner des Euro. Schon in der sog. Konvergenzphase vor der Einführung der gemeinsamen Währung hat er die deflationäre Wirkung des Euro kritisiert und auf die schädliche Wirkung für Frankreich hingewiesen. Seine ökonomischen Argumente gegen den Euro sind eindeutig links orientiert, weil er in einer starken Währung eine Peitsche für die arbeitende Bevölkerung und Zuckerbrot für Besitzer großer Geldvermögen erkennt.
In seinem Buch "L'invention de l'Europe' (Die Erfindung Europas) beschreibt er das anthropologische System Europas und die Tradition der Wechselwirkung seiner Regionen (s. Karte oben) bei sozialen und wirtschaftlichen Innovationen. Eine exzellente englischsprachige Besprechung dieses Werks und seiner Arbeit im Allgemeinen findet man hier. Ein Zitat aus der englischsprachigen Fassung des Vorworts fasst Todds Kritik am Euro zusammen:
"My opposition to the Maastricht Treaty stems very directly from my knowledge of the anthropology and history of our continent. A real sensibility to the diversity of European customs and values can only lead to one conclusion: the central monetary management of societies as different as, for example, France and Germany, must lead to a massive dysfunction, first, of one or other society, and, then, of both. There is, in the ideology of unification, a will to break human and social realities which recalls, strangely but invincibly, Marxism-Leninism...."
Diese Kritik ist ohne jeden Zweifel
im Kern identisch mit der Kritik am Euro, wie sie in Deutschland frühzeitig von seriösen Konservativen geäußert worden ist. Vor der Bereitschaft Todds, seine Erkenntnisse zu vertreten, ohne sich um ihre Einordnung in ideologische Strömungen zu scheren, muss man unbedingt den Hut ziehen, und ich wünschte mir, ich hätte seine Eurokritik viel früher gelesen. Hätten sich dieser französische Linke und deutsche Konservative rechtzeitig gemeinsam Gehör verschaffen können, wäre Europa eine sehr schlimme Fehlentscheidung vielleicht erspart geblieben.
Notabene: Das Buch wurde 1990 veröffentlicht
und das Vorwort geht so weiter:
"
Either the single currency is not realized, and L’invention de l’Europe will seem a contribution to the understanding of certain historical impossibilities.
Or the single currency is realized, in which case this book will help to understand, in twenty years, why a statist unification imposed in the absence of a common consciousness will have produced a jungle rather than a consciousness."

Das ist natürlich wieder eine brillante Prognose und man fragt sich, ob Todd Max Weber nicht längst hinter sich gelassen hat. Wenn nicht als Wissenschaftler, dann in jedem Fall als praktisch denkender Zeitkritiker.

Todd stellt in gewohnter Lauterkeit fest, dass sich die Deutschen nicht darum gerissen hätten, mit dem Euro Europa zu beherrschen und in eine furchtbare ökonomische Krise zu führen. Die deutsche Elite sei nur  strukturell überfordert damit, eine Währung für ganz Europa zu beherrschen, blind und stur genug, das nicht zu erkennen. Den Euro erfunden hätten aber die französischen Sozialisten unter Mitterand in ihrer zombie-katholischen Passion ("Von der einen Kirche zu der einen Währung") und sie seien es auch, die heute an ihrem Wahn festhielten, und aus Unfähigkeit den Deutschen bei der Vollendung einer Katastrophe assistierten.
Leidenschaftliche und wahrscheinlich leider richtige Worte eines admirablen Intellektuellen:

"Warum glauben die Leute nicht mehr an Europa?..Die Eurozone ist ein schwarzes Loch in der Weltwirtschaft....Viel wichtiger als alle Details dieser Brüsseler Regelungen, die niemals implementiert werden:...Der Euro funktioniert nicht! Der Euro funktioniert nicht! Der Euro funktioniert nicht!.......Es gibt nur eines, was die Sozialisten tun können, um das Schicksal der  Franzosen und der Europäer zu verbessern:  diese Währung ins Jenseits befördern! ....Es ist nicht schwer zu verstehen, warum der Euro nicht funktioniert. Alle Ökonomen der Welt verstehen das, ...ähm, bis auf die, die von der EU bezahlt werden....Er funktioniert nicht!.....Ich bin wirklich deprimiert und ....es ist eine beinahe metaphysische Frage, warum unser System diese politische Klasse produziert, alle diese Leute, die nicht mehr fähig sind, ihr Land zu verteidigen...."

Meine Fragen dazu:
Warum hat Deutschland keine Intellektuellen, die ihr Land und die Welt so gut verstehen wie Todd, weil sie sich Zeit ihres Lebens mit harten Fakten zu wichtigen Fragen auseinandergesetzt haben?
Warum haben wir keine Intellektuellen, die die Schwächen und Stärken des eigenen Volkes verstehen und keine Ressentiments gegen es haben, sondern sich für seine Interessen leidenschaftlich und mit Verstand einsetzen?
Warum sind unsere linken Intellektuellen tendenziell dumm und die rechten tendenziell fies?
(Ausnahmen bestätigen die Regel. Max Weber war eine solche Ausnahme, und es gibt sie immer noch. Eine Antwort auf die Frage lässt sich möglicherweise in Todds Familiensystematik finden s.o.)
Vive la République!

Rezeption des "Charlie"-Buches

In Frankreich

Zahllose Kommentatoren und Gegenredner haben sich Todds Buch vorgenommen.
Unter ihnen auch der schon genannte Premierminister Manuel Vals in "Le Monde". In bester Politikermanier kontert er den Versuch, etwas zu beweisen, mit der emphatischen Behauptung des Gegenteils. Wenn man Google glaubt, war "Le Monde" überhaupt einige Wochen voll mit Stellungnahmen zu Todds Buch. Er kann also nicht behaupten, dass er totgeschwiegen worden sei. Libération, Humanité, Express haben alle etwas zu dem Buch gebracht.

Im Slate-Magazin hat sich ein Geograf die Daten gründlich vorgenommen und ein wenig nachgerechnet. Ergebnis: es gibt die Korrelationen, die Todd betont, aber sie sind nicht übermäßig stark und man kann sie auf verschiedene Weise interpretieren. Die stärkste Korrelation überhaupt sei negativ: je mehr Wähler der Front National in einer Stadt habe, desto schwächer sei die Teilnahme an den "Charlie"-Demonstrationen ausgefallen. Außerdem mache Todd immer wieder einen Fehler bei der Interpretation solcher Daten: Wenn in einer Stadt besonders viele Alte lebten und besonders viele Charlie-Demonstranten paradierten, dann bedeute das nicht zwingend, dass die Alten auf der Demo waren (Es könnten auch ihre Pflegerinnen gewesen sein:-). Es ist immer ein valider Ansatz, sich auf die Mathematik zurückzuziehen und gewissermaßen die Grundlagen abzusichern. Sehr lobenswerter Beitrag!

Das linksrepublikanische Magazin 'Marianne' erkannte in Todd einen Zombie-Intellektuellen. Einer seiner Gründer legte in Challenges noch etwas oben drauf: Emmanuel Todd, wenn ein Intellektueller die Pedale verliert. In der linken Mitte findet man das Buch offensichtlich nicht so komisch.

Der konservative Alain Finkielkraut hat das Buch in die Pfanne gehauen. Sehr viel Einigkeit mit der sozialistischen Regierung.

Das Meinungsmagazin Causeur.fr hat eine auf den ersten Blick ebenfalls wenig positive, auf den zweiten Blick witzige, auf den dritten Blick aber wohlwollende Kritik von Todds Polemik veröffentlicht: Verständnis für seinen Überdruss am öffentlichen Charlie-Konsens, Respekt für sein Gesamtwerk und für gute Gedanken auch in diesem Buch, Lob für seine Kritik am Euro und an der Linken und, last but not least, scharfe Kritik an merkwürdigen, pseudowissenschaftlichen Fehlurteilen zu Islam, Antisemitismus und dem alten Pappkameraden Katholizismus. Ein bisschen Veralberung gehört dazu, wenn im Titel die Frage nach der Identitätskrise des Autors selbst aufgeworfen wird und weiter unten die, ob Todd wohl ein Zombie-Antiklerikaler sei. Alles in allem keine dumme Kritik, auf die wir am Schluss zurückkommen werden. 

USA

Das Außenpolitik-Magazin "Foreign Policy" interessiert sich für den Streit um Todds Buch.

In Großbritannien

Der Guardian hat einen sehr langen Text veröffentlicht, in dem er gewissermaßen selbst fürTodd spricht.

Schweiz

Die NZZ bietet eine kurze Rezension an, in der sich der Autor erklärtermaßen bemüht, ganz sachlich zu berichten. Der Versuch ist nicht ganz missglückt, aber es ist keine journalistische Glanzleistung, einem betroffenen Politiker das Schlusswort zu überlassen.

Deutschland

Die FAZ hat eine unterirdisch schlechte Rezension veröffentlicht. Der Inhalt und die Hintergründe des Buches werden darin nur oberflächlich wiedergegeben, Ablehnung ist offensichtlich das primäre Ziel, nicht das Ergebnis dieser "Besprechung". Was soll man nur davon halten, wenn ein Rezensent die geistige Qualität eines Werkes daran bemisst, ob ihm andere, insbesondere Politiker zustimmen: "Kein Intellektueller, kein Politiker stimmt Todd zu..."? Eine so armselige Rezension zu einem französischen Thema hätte es unter dem früheren Chef des Feuilletons und Frankreichkenner Nils Minkmar niemals ins Blatt geschafft. Man muss ein Buch nicht mögen, um eine bessere Rezension zu schreiben.

Die Süddeutsche Zeitung immerhin hat eine deutlich interessiertere und fundiertere Besprechung abgeliefert.

Fazit

"Wer ist Charlie" ist letztlich eine persönliche Abrechnung des Emmanuel Todd mit Francois Hollande und den heutigen Sozialisten als traurigem Rest der französischen Linken. Die Wut für diese Polemik stammt im Wesentlichen aus dem Euro-Thema und der Hoffnung, die er z.B. noch in diesem Interview in Hollande gesetzt hat. So grandios richtig er vor 25 Jahren mit seiner Langfristprognose zum Euro gelegen hat, so sehr hat er sich in Hollande und den Sozialisten getäuscht. Das tut weh. Ein Konservativer kann ebenso gut sehen wie Todd, dass der Fetisch Euro die europäische linke Mitte politisch vollständig ruiniert. Todd bricht wegen des Euro mit der Linken und rehabilitiert gleichzeitig den Front National. Damit steht er definitiv nicht allein, wie man allmählich auch in deutschsprachigen Medien bemerkt (und letztlich ohne jedes inhaltliche Verständnis verurteilt). Das kommt davon, wenn man Michel Onfray zum Inbegriff des französischen Denkers erklärt und die libertäre Kaviar-Linke zu dem einen Wesen Frankreichs.
Todd dagegen ist ein bescheidener ("zu viel Individualismus tötet das Individuum") und intellektuell durch und durch lauterer Geistesarbeiter, der nie billige Propaganda gemacht hat, nie ein politischer Schaumschläger war. Sein Wort und mehr noch seine Wut wiegen also schwer: ein politisches Erdbeben kündigt sich an, nicht nur in Frankreich, sondern für ganz Europa. Man darf hoffen, dass er ín der Einschätzung des Front National wieder einmal ein wenig Recht hat und es nicht so schlimm kommt. Die deutschen Rechten zumindest sollten vorsichtig sein, wenn sie den Front National für einen echten Verbündeten halten. Die Liebe könnte kurz sein, wenn der Front wirklich das Erbe des egalitären Republikanismus in Frankreich antritt. Marine Le Pens Frage, ob jemand mit Panzern daherfahren wolle, wenn sie den Franc wieder einführt, richtet sich eindeutig nach Nordosten, dorthin, wo die großen Buchverluste anfallen werden. Tatsächlich ist das Geld ja längst verloren, wie Sinn, Henkel und Lucke immer wieder korrekt betont haben. Eigentlich gibt es also keinen Grund mehr, sich nochmals aufzuregen, aber die deutsche Elite wird ein verdammt großes Problem mit dem Volk haben. Mit dem Volk, dem sie auch beim Euro mit der Nazikeule das Maul verboten hat, wie es so ihre Gewohnheit ist. Man muss befürchten, dass das nicht gut ausgehen wird.

Gleichzeitig wollte Todd sich nochmals für seine linken Ideale ins Zeug legen: die Ideale der französischen Republik, die Interessen der Bürger Südeuropas, die im Euro inzwischen ein wirtschaftliches Martyrium erleiden, das nicht nur Linke erschüttert zurücklässt. Und er wollte nochmals einen Appell für die Integration der arabischstämmigen Minderheit in die französische Gesellschaft absenden, die durch den Islamismus, den Antiislamismus und die Eurokrise gleichzeitig massiv bedroht ist (Auffällig ist aber, wie wenig er über die Befindlichkeit dieser Minderheit tatsächlich sagt, selbst dann, wenn ein Kapitel ihr gewidmet ist).

Zu diesen Zwecken hat er nochmals seine großartige Arbeit über die vielfältigen französischen und europäischen Mentalitäten zusammengefasst und auch den Zombie-Katholizismus ins Spiel gebracht. Diese Zusammenhänge sind zwar für sich betrachtet sehr interessant, aber die Größe ihrer Bedeutung für das Charlie-Thema ist wissenschaftlich nicht belastbar. Die Kritik daran ist in der Sache berechtigt. Sie taugt zwar als Hintergrund, aber nicht für den Titel und als Grundgerüst dieses Buches. Der Causeur hat das ganz gut zusammengefasst.

Es lohnt sich durchaus das Buch zu lesen, wenn man diese Schwäche berücksichtigt. Es gibt mit einem aktuellen Thema einen ganz guten Einblick in Todds Denken.
Man kann sich das Buch (nach Lesen dieser Zusammenfasung) aber auch schenken und gleich eines seiner großartigen Werke vornehmen: Das Schicksal der Immigranten oder L'invention de l'Europe.